Rechte Netzwerke: Von TikTok bis Terror

Die Zahlen sprechen eine erschreckend klare Sprache: Mit 37.835 rechtsextremistischen Straf- und Gewalttaten im Jahr 2024 erreicht rechte Gewalt einen neuen, alarmierenden Höchststand [12]. Das ist ein Anstieg von 47,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr – ein Ausmaß, das selbst staatliche Stellen nicht mehr schönreden können [16][20]. Täglich werden durchschnittlich zwölf Menschen Opfer rechts, rassistisch oder antisemitisch motivierter Gewalt [14]. Diese Entwicklung ist weder zufällig noch unerwartet – sie ist das Ergebnis einer systematischen Strategie, die rechtsextreme Akteure seit Jahren verfolgen: die Normalisierung menschenfeindlicher Ideologien und die schrittweise Unterwanderung demokratischer Strukturen.
Was wir erleben, ist nicht nur ein statistisches Phänomen, sondern die konkrete Bedrohung unserer Demokratie durch eine gut organisierte, international vernetzte und strategisch vorgehende extreme Rechte. Ihre Erfolge zeigen sich nicht nur in Wahlergebnissen, sondern vor allem in der wachsenden Gewaltbereitschaft ihrer Anhängerinnen, der systematischen Bedrohung von Kommunalpolitikerinnen und der erfolgreichen Rekrutierung neuer Mitglieder über digitale Medien und die Unterwanderung bürgerlicher Proteste.
Zahlen & Fakten: Die brutale Realität rechter Gewalt
Die aktuellen Statistiken zeichnen das Bild einer extremen Rechten, die immer gewalttätiger wird. Das rechtsextremistische Personenpotenzial ist 2024 auf 50.250 Personen angestiegen – 10.000 mehr als im Vorjahr [12]. Darunter befinden sich 15.300 als gewaltorientiert eingestufte Personen [12]. Diese Zahlen des Verfassungsschutzes erfassen jedoch nur die Spitze des Eisbergs.
Die Opferberatungsstellen liefern ein noch erschreckenderes Bild: In nur zwölf von 16 Bundesländern wurden 3.453 rechte, rassistisch und antisemitisch motivierte Angriffe registriert, die 4.681 Menschen direkt betrafen [14]. Besonders alarmierend ist der Anstieg von Angriffen auf sogenannte "politische Gegner*innen" um mehr als zwei Drittel im Vergleich zum Vorjahr[14]. Auch queerfeindlich motivierte Angriffe stiegen um 40 Prozent und antisemitische Angriffe um 11 Prozent [14].
Die traurige Bilanz: Neun Todesopfer bei Brandanschlägen und Messerangriffen allein im Jahr 2024 [16]. Das Bundeskriminalamt gibt 115 Todesopfer durch rechtsextreme Gewalt seit 1990 an, während die Amadeu Antonio Stiftung von mindestens 219 Todesopfern ausgeht – ein Beleg für die systematische Untererfassung rechter Gewalt durch staatliche Stellen [13].
Diese Zahlen sind keine abstrakten Statistiken. Hinter jeder Zahl stehen Menschen, deren Leben durch rechte Gewalt zerstört wurde – und eine Gesellschaft, die zusieht, wie Rechtsextreme ihre Macht immer weiter ausbauen.
Strategien der „Neuen Rechten": Metapolitik als Kulturkampf von rechts
Die heutigen Erfolge der extremen Rechten sind kein Zufall. Sie basieren auf der jahrzehntelangen Arbeit der sogenannten „Neuen Rechten", einem informellen Netzwerk aus nationalkonservativen bis rechtsextremistischen Kräften, das eine „Kulturrevolution von rechts" anstrebt [40]. Diese Akteure haben verstanden, dass politische Macht nicht nur an der Wahlurne, sondern vor allem im vorpolitischen Raum erobert wird.
Das Netzwerk: Von den Strategen zu den Aktivisten
Das neurechte Netzwerk funktioniert arbeitsteilig: Das mittlerweile aufgelöste und neu strukturierte „Institut für Staatspolitik" (IfS) und der „Verlag Antaios" verstehen sich als intellektuelle Avantgarde[40][44]. „Ein Prozent e.V." übernimmt die Rolle des Netzwerkers, der verschiedene rechte Gruppierungen finanziell und ideell unterstützt [40]. Die „Identitäre Bewegung Deutschland" agiert als aktivistischer Arm, während das „COMPACT-Magazin" die Rolle des Meinungsmachers übernimmt [40].
Besonders perfide: Diese Akteure geben sich nach außen oft harmlos oder "nur" konservativ. Das IfS inszenierte sich jahrelang als harmloses Forschungsinstitut, bis der Verfassungsschutz es 2023 als gesichert extremistische Bestrebung einstufte [40]. Ähnlich der „Verlag Antaios", der 2024 ebenfalls als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingeordnet wurde [44].
Metapolitik: Die Eroberung der Köpfe
Die Strategie der „Neuen Rechten" basiert auf dem Konzept der „Metapolitik" – der Überzeugung, dass politische Veränderungen erst durch kulturelle Verschiebungen möglich werden [46]. Ihr Ziel ist es, den gesellschaftlichen Diskurs nach rechts zu verschieben und „Dinge sagbar zu machen, die vorher noch auf größere Ablehnung gestoßen wären" [46].
Diese Strategie zeigt bereits erschreckende Erfolge: Begriffe wie „Flüchtlingswelle", „Genderwahnsinn" oder „Political Correctness" wurden ursprünglich von Rechten geprägt und werden heute auch von der sogenannten gesellschaftlichen Mitte verwendet – mitsamt ihren impliziten Bedeutungen [46]. Die „Zeit" titelt zum Thema Seenotrettung: „Oder soll man es lassen?" – eine Formulierung, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre [46].
Tarnsprache und Codes
Ein zentrales Element der neurechten Strategie ist die Verwendung von Tarnsprache und Codes. Statt offen rassistische Parolen zu rufen, sprechen sie von „Ethnopluralismus", „Remigration" oder dem „Großen Austausch" [40][43]. Diese Begriffe klingen für Uneingeweihte harmlos, transportieren aber knallharte rechtsextreme Ideologien.
Die „Identitäre Bewegung" vertritt beispielsweise das Konzept des Ethnopluralismus, das auf der Vorstellung einer staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung in einem ethnisch und kulturell homogenen Staat basiert [40]. Für die IBD ist allein die ethnische Herkunft maßgeblich für die Zugehörigkeit zum deutschen Volk [40] – eine Position, die sich von historischen Rassentheorien nur in der Wortwahl unterscheidet.
Digitale Medien: Das Internet als Propagandamaschine
Das Internet ist zur wichtigsten Waffe der extremen Rechten geworden. Über 90 Prozent rechtsextremer Propaganda werden mittlerweile auf jugendaffinen Diensten wie YouTube, Instagram und TikTok verbreitet [50]. Seit 2020 ist Telegram zur wichtigsten Plattform für Rechtsextreme geworden – ein Grund dafür: Der Dienst löscht nur selten Inhalte [50].
TikTok: Mit einem Swipe in die Köpfe der Jugendlichen
TikTok ist die perfekte Plattform für Rechtsextremisten geworden [80]. Mehr als 20 Millionen Menschen sind in Deutschland bei TikTok, vor allem Heranwachsende[80]. Der AfD-Spitzenkandidat Maximilian Krah erzielte mit seinem Video „Echte Männer sind rechts" 1,4 Millionen Klicks [80].
Die Perfidität des Systems: Kinder und Jugendliche müssen solche Videos gar nicht aktiv suchen. Sie kommen von allein über den Algorithmus [80]. TikTok zeigt jedes hochgeladene Video wahllos einer bestimmten Anzahl von Menschen. Bei positiver Resonanz wird es wieder neuen Menschen vorgeschlagen – exponentielles Wachstum ist so möglich [80].
Codes und Camouflage
Rechtsextreme nutzen verschiedene Emojis und Hashtags als Codes [82]. Drei Herzen in schwarz, weiß und rot dienen als Chiffre für die Reichskriegsflagge, zwei Blitz-Emojis als Synonym für „SS" [82]. Ein scheinbar harmloses winkendes Emoji kann in rechtsextremen Kreisen für den Hitlergruß stehen [82].
Bei vielen Videos ist nicht direkt zu erkennen, dass es sich um ideologisch motivierte Inhalte handelt [82]. Rechtsextreme Medienstrategie setzt gezielt auf Plattformcodes, um Minderjährige schrittweise an verfassungsfeindliche Ideologien heranzuführen [82].
Telegram als rechtsextremer Safe Space
Telegram hat sich zur wichtigsten Plattform für ungehemmte rechtsextreme Propaganda entwickelt [50]. Hier können Rechtsextreme ganz unverhohlen Aufrufe zu Gewalt verbreiten, den Nationalsozialismus glorifizieren oder Angriffe auf politische Gegner planen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen [71].
Der österreichische Identitäre-Anführer Martin Sellner hat auf Telegram über 65.000 Abonnenten und veröffentlicht dort täglich eigene Audioanalysen, Videos und Textbeiträge zu Themen wie „Remigration" oder „Großer Austausch" [40]. Diese Inhalte werden dann über andere Plattformen weiterverbreitet und normalisiert.
Unterwanderung bürgerlicher Proteste: Vom Corona- zum Bauernprotest
Rechtsextreme haben eine perfide Strategie entwickelt: Sie instrumentalisieren berechtigte gesellschaftliche Proteste für ihre eigenen Zwecke. Das Muster ist immer dasselbe: Zunächst beteiligen sie sich an legitimen Demonstrationen, dann versuchen sie, die Deutungshoheit zu übernehmen und schließlich die Proteste für ihre antidemokratische Agenda zu nutzen.
Corona-Proteste: Das Sprungbrett zur gesellschaftlichen Mitte
Die Corona-Proteste waren ein Wendepunkt für die extreme Rechte [51]. Rechtsextreme Akteure nutzten soziale Medien wie Facebook, YouTube, TikTok, aber auch weniger bekannte Dienste wie Gettr oder BitChute, um Misinformationen, Desinformationen sowie Verschwörungstheorien direkt zu verbreiten [51].
Telegram spielte eine zentrale Rolle bei der digitalen Mobilisierung [51]. Die Proteste erreichten vergleichsweise ältere Nutzungsgruppen und ermöglichten es Rechtsextremen, außerhalb ihrer üblichen Filterblase neue Zielgruppen anzusprechen [51]. Populistische Bezüge und Verschwörungstheorien standen im Vordergrund, wobei letztere vermehrt von politisch extrem rechten Akteuren verbreitet wurden [51].
Bauernproteste: Instrumentalisierung par excellence
Bei den Bauernprotesten wiederholte sich das Muster [69]. Rechtsextreme mobilisierten bereits im Internet zur geplanten Demo, unter anderem mit Videos, die mit martialischer Musik untermalt waren [69]. Die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte Identitäre Bewegung verteilte Flugblätter, AfD-Politiker zeigten Präsenz, die rechtsextreme Partei Freie Sachsen nahm Videos auf [69].
Der rechtsextreme Strippenzieher Björn Höcke erklärte: „Wir sehen uns auf der Straße" [78] – obwohl seine Partei im Grundsatzprogramm erklärt, sie lehne „Subventionen generell ab", also auch die für die Landwirtschaft [78]. Es ging nie um die Belange der Bauern, sondern um die Instrumentalisierung ihrer berechtigten Sorgen für die eigene antidemokratische Agenda.
Die Strategie funktioniert: Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied klagte, es sei versucht worden, den Protest „in die rechte Ecke zu drängen", um ihn zu „delegitimieren" [78]. Genau das ist das Ziel: Berechtigte Proteste werden so lange unterwandert, bis jede Kritik an gesellschaftlichen Missständen als „rechts" diskreditiert werden kann.
Das Muster: Von Thema zu Thema springen
Konfliktforscher erkennen das Muster: „Das rechte Spektrum hüpft seit 2020 von Thema zu Thema. Erst ging es um Corona, dann den Ukraine-Krieg und jetzt die Bauernproteste" [81]. Es gibt rechtsextreme Gruppen, die eine Möglichkeit sehen, das Thema zu besetzen. Sie benutzen die ernstzunehmenden Belange der Landwirte für ihre Agenda, die mit Landwirtschaft überhaupt nichts zu tun hat[81].
Bedrohung für Kommunalpolitiker*innen: Terror gegen die Demokratie
Die systematische Bedrohung von Kommunalpolitiker*innen ist eine der perfidesten Strategien der extremen Rechten. 81 Prozent der bedrohten Mandatsträger*innen leiden unter psychischen und physischen Folgen wie depressive Verstimmungen, Angst oder Konzentrationsschwierigkeiten [70]. Sie verzichten auf bestimmte Meinungsäußerungen, auf eine erneute Kandidatur oder erwägen gar eine Mandatsniederlegung [70].
Die Eskalation: Von Drohungen zum Mord
Der Weg von der Bedrohung zur Gewalt ist erschreckend kurz. Die rechtsextremen Mordversuche an der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (2015) und Andreas Hollstein (2017) sowie der neonazistische Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke im Juni 2019 zeigen die Eskalation rechter Gewalt [73].
2023 gaben 38 Prozent der Mandatsträger*innen an, in den letzten fünf Monaten Bedrohungen erlebt zu haben [70]. 64 Prozent sagten, dass sie ihr Verhalten aufgrund der Anfeindungen bereits geändert haben [70]. Das ist der Erfolg rechtsextremer Strategie: Durch Drohungen, Kampagnen und Gewalt sollen Angst verbreitet und alle eingeschüchtert werden, die sich für ein solidarisches Zusammenleben im demokratischen Gemeinwesen einsetzen [73].
Systematische Delegitimierung
Die Angriffe sind nicht zufällig. Sie sind Teil einer systematischen Strategie zur Delegitimierung demokratischen Engagements [73]. Rechtsextreme nutzen Anfragen und Anträge, um etwa integrationspolitische Projekte zu diskreditieren [73]. Kommunale Verwaltungen müssen mit Bedrohungsszenarien unterschiedlicher Schwere umgehen: von Bombendrohungen über Drohmails und tätliche Angriffe auf Mitarbeitende bis hin zu gezielter Delegitimierung ihrer Arbeit [73].
Besonders perfide: Immer häufiger handelt es sich um nicht in den klassischen extrem rechten Netzwerken organisierte Täter*innen, sondern um Personen aus der „radikalisierten Mitte" [73]. Diese knüpfen allerdings nahtlos an extrem rechte Erzählungen und Strategien an [73].
Verbindungen zwischen AfD, Kameradschaften und neurechten Netzwerken
Die AfD ist längst mehr als nur eine Partei – sie ist das parlamentarische Zentrum eines umfassenden rechtsextremen Netzwerks. Die Verbindungen sind so dicht, dass der Verfassungsschutz bezweifelt, dass die AfD ihre eigene Brandmauer ernst nimmt [42].
Personal mit rechtsextremer Vergangenheit
Eine Recherche der „taz", der Zeitschrift „Der rechte Rand" und des antifaschistischen Archivs apabiz zeigt das „Netzwerk AfD" [45]: Die AfD-Fraktion im Bundestag beschäftigt rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Verbindungen zu Rechtsradikalen[45]. Darunter sind junge Mitarbeiterinnen mit Kontakten zu „Identitären" und Burschenschaften [45].
Die Zahlen sprechen für sich [45]:
- 55 Verbindungen zu insgesamt 23 Organisationen der Neuen Rechten
- 36 Verbindungen zu insgesamt 30 Burschenschaften, auch zu rechtsextremen Burschenschaften wie die Danubia München
- 23 Verbindungen zu extrem rechten Parteien, Think-Tanks, Medien, Burschenschaften oder anderen Organisationen
- 15 Verbindungen zu extrem rechten Gruppen und zur NPD
- 10 Verbindungen zu den „Identitären"
Systematische Unterwanderung
Diese Verbindungen finden sich nicht nur bei den als rechtsradikal bekannten Abgeordneten, sondern auch bei Abgeordneten, die sich sonst moderater geben [45]. Mit diesen Arbeitsplätzen, Informationen und Veranstaltungen knüpft die AfD Kontakte zur extremen Rechten in Deutschland und hilft beim Aufbau rechter Strukturen [45].
Ein konkretes Beispiel aus Bayern: Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks sind mindestens zwei weitere Mitglieder der Jungen Alternative in Schwaben gleichzeitig bei der Identitären Bewegung aktiv. Einer davon sitzt sogar für die AfD im Stadtrat in Ulm [42].
Die Junge Alternative: Brücke zum Extremismus
Die „Junge Alternative für Deutschland" wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft [42]. Sie fungiert als Brücke zwischen der AfD und der rechtsextremistischen Szene. Franz Schmid, der einzige AfD-Abgeordnete in Bayern, den der Verfassungsschutz trotz hoher rechtlicher Hürden beobachtet, ist zugleich Chef der Jungen Alternative Bayern [42].
Schmid ist in den Augen der Verfassungsschützer zu einer „treibenden Kraft der Vernetzung zwischen der AfD und der Jungen Alternative einerseits und der rechtsextremistischen Neuen Rechten, insbesondere der Identitären Bewegung" geworden [42].
Internationale Vernetzung: Putin-Netzwerke und globale Neue Rechte
Die deutsche extreme Rechte operiert nicht im luftleeren Raum. Sie ist Teil eines internationalen Netzwerks, das Rückhalt, Ideologie und Ressourcen von den autoritären Konservativen bezieht, die die USA und Russland regieren [89].
Russische Einflussnahme
2015 war Russland Gastgeber einer internationalen Konferenz, an der Vertreter der NPD sowie rechtsextremer Gruppen aus Italien teilnahmen [89]. Der deutsche Geheimdienst enthüllte, dass die „Russische Reichsbewegung", eine von den USA als „terroristisch" eingestufte paramilitärische Gruppierung, Kämpfer aus Deutschland, Finnland und Schweden ausbildete [89].
Die Zusammenarbeit zwischen Kreml-nahen russischen und deutschen rechtsextremen Akteuren zeigt sich besonders in digitalen Desinformationsstrategien [84]. Rechtsextreme deutsche Akteure übernehmen Narrative der russischen Staatspropaganda und verbreiten sie in ihren Netzwerken [15].
Internationale Identitäre Bewegung
Die „Identitäre Bewegung Deutschland" versteht sich als Teil einer europaweiten „patriotischen" Bewegung [40]. Seit Jahren beteiligen sich europäische IB-Gruppierungen an grenzüberschreitenden Protesten und Aktionen [40].
Martin Sellner, Führungskader der österreichischen IBÖ, ist auch Leitfigur der IB in Deutschland und vertritt die Identitäre Bewegung im gesamten deutschsprachigen Gebiet [40]. Im Juli 2023 reisten Angehörige der IBD nach Wien, um gemeinsam mit Aktivisten aus Österreich und weiteren europäischen Ländern an einer Kundgebung unter dem Motto „Remigration" teilzunehmen [40].
Trumpismus als Vorbild
Der Trumpismus hat als machtgestützter Prozess der Radikalisierung gegen die amerikanische Demokratie internationale Signalwirkung für Rechtspopulisten ausgelöst [95]. Trumps autoritärer Populismus hat die Expansion, das Mainstreaming und die signifikante Legitimisierung rechtsextremer Akteure, Ideologien und „alternativer" Medien ermöglicht [95].
Diese globalen Nachahmungseffekte zeigen sich auch in Deutschland: Die deutsche extreme Rechte übernimmt erfolgreiche Strategien und Narrative aus den USA und passt sie an die deutschen Verhältnisse an [95].
Fazit & Ausblick: Für eine entschlossene antifaschistische Antwort
Die Zahlen, Strategien und Netzwerke der extremen Rechten zeichnen ein alarmierendes Bild: Wir stehen vor der systematischen Bedrohung unserer Demokratie durch gut organisierte, international vernetzte rechtsextreme Akteure. Ihre Erfolge – von der Normalisierung menschenfeindlicher Sprache über die Unterwanderung bürgerlicher Proteste bis hin zur systematischen Bedrohung demokratisch engagierter Menschen – zeigen: Die Zeit des Wegschauens und Verharmlosens muss endlich vorbei sein.
Die Wahrheit aussprechen
Erste Konsequenz muss sein, die Wahrheit ungeschminkt auszusprechen: Die extreme Rechte ist nicht mehr randständig, sondern hat sich in der gesellschaftlichen Mitte festgesetzt [41]. Acht Prozent der Menschen in Deutschland teilen ein rechtsextremes Weltbild [41]. 20 Prozent befinden sich in einem „Graubereich" [41]. Diese Menschen sind nicht durch „Verständnis" oder „Dialog" zu erreichen – sie verfolgen ein antidemokratisches Projekt, das entschieden bekämpft werden muss.
Staatliches Versagen beenden
Die staatlichen Stellen müssen endlich aufhören, rechte Gewalt zu verharmlosen. Die Opferberatungsstellen stellen fest, dass Strafverfolgungsbehörden rassistische Tatmotive oftmals noch immer nicht erkennen [16]. Wo Fehler in der polizeilichen Arbeit und Bewertung rechtsextremer Gewalttaten gemacht werden, muss dies abgestellt werden [16].
Die systematische Untererfassung rechter Gewalt durch staatliche Behörden ist nicht nur ein statistisches Problem – sie ist Teil der Strategie der Verharmlosung, die rechtsextremen Akteuren nutzt.
Zivilgesellschaft stärken
Die Zivilgesellschaft muss gestärkt und unterstützt werden. Mobile Beratungsteams gegen Rechtsextremismus leisten unverzichtbare Arbeit [90][93]. Sie müssen besser ausgestattet und flächendeckend verfügbar gemacht werden. Betroffenenberatung muss ausgebaut und langfristig finanziert werden.
Besonders in ländlichen Räumen müssen zivilgesellschaftliche Strukturen gestärkt werden [94]. Eine starke und aktive Zivilgesellschaft vor Ort – handlungsfähige Vereine und Verbände – sind der beste Garant dafür, dass sich dumpfer Fremdenhass und Intoleranz nicht ausbreiten [94].
Digitale Strategien entwickeln
Die digitale Dimension des Kampfes gegen Rechtsextremismus muss ernstgenommen werden. Plattformen wie TikTok, Instagram und Telegram dürfen nicht länger als rechtsextreme Propagandamaschinen missbraucht werden [74]. Es braucht strengere Richtlinien, bessere Moderation und effektive Meldesysteme.
Medienpädagogik und politische Bildung müssen bereits in der Schule ansetzen und junge Menschen dabei unterstützen, rechtsextreme Propaganda zu erkennen und zu durchschauen [32].
Internationale Zusammenarbeit intensivieren
Der internationalen Dimension rechtsextremer Netzwerke muss durch internationale antifaschistische Zusammenarbeit begegnet werden. Die Einflussnahme autoritärer Regime wie Russlands auf die deutsche extreme Rechte muss aufgedeckt und unterbunden werden [92].
Keine Toleranz für Intoleranz
Demokratie bedeutet nicht, allen Meinungen gleichberechtigt Raum zu geben. Eine wehrhafte Demokratie muss ihre Feinde erkennen und konsequent bekämpfen. Rechtsextreme Parteien, die über gewaltbereite Milizen verfügen, dürfen nicht geduldet werden [89]. Die Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik müssen endlich gezogen werden [89].
Der antifaschistische Auftrag
Antifaschismus ist kein Extremismus, sondern demokratische Bürgerpflicht [91]. Alle demokratischen Kräfte – von Gewerkschaften über Parteien bis hin zu zivilgesellschaftlichen Organisationen – müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden und gemeinsam handeln.
Die extreme Rechte wird nicht von allein verschwinden. Sie wird nur durch entschlossenen, organisierten und solidarischen Widerstand zurückgedrängt werden können. Jede und jeder Einzelne ist aufgerufen, sich zu positionieren: Gegen Rassismus, gegen Antisemitismus, gegen Rechtsextremismus – für eine solidarische, offene und demokratische Gesellschaft.
Die Zeit des Zögerns ist vorbei. Widerstand ist Pflicht.
Quellen
[1] Rechtspopulismus und organisierte Zivilgesellschaft. URL: https://www.econstor.eu/bitstream/10419/233849/1/Full-text-chapter-Schroeder-Rechtspopulismus-und-organisierte.pdf
[11] Verfassungsschutz - Zahlen und Fakten. URL: https://www.verfassungsschutz.de/DE/themen/rechtsextremismus/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten_node.html
[12] Verfassungsschutz - Rechtsextremismus 2024. URL: https://www.verfassungsschutz.de/DE/verfassungsschutz/der-bericht/vsb-rechtsextremismus/2024-vsb-rechtsextremismus_artikel.html
[13] MDR Faktencheck - Rechte Gewalt fordert mehr Todesopfer als linke. URL: https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/todesopfer-rechte-linke-gewalt-faktencheck-100.html
[14] VBRG - Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt in Deutschland 2024. URL: https://verband-brg.de/rechte-rassistische-und-antisemitische-gewalt-in-deutschland-2024-jahresbilanzen-der-opferberatungsstellen/
[15] BMI - Verfassungsschutzbericht 2022 vorgestellt. URL: https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2023/pressemitteilung-2023-4-vsb-2022.html
[16] Tagesschau - Politisch motivierte Kriminalität steigt um 40 Prozent. URL: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bilanz-politisch-motivierte-straftaten-dobrindt-innenministerium-100.html
[17] BMI - Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2023 vorgestellt. URL: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2024/06/vsb2023.html
[19] Tagesschau - Verfassungsschutzbericht 2024. URL: https://www.tagesschau.de/inland/verfassungsschutzbericht-rechtsextremismus-compact-linksextremismus-islamismus-spionage-100.html
[20] BMI - Neuer Höchststand politisch motivierter Kriminalität. URL: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2025/05/pmk2024.html
[32] Medienpädagogik als Prävention gegen rechtspopulistische Rhetorik. URL: https://www.medienpaed-ludwigsburg.de/article/download/507/483
[40] Verfassungsschutz - Das Netzwerk der Neuen Rechten. URL: https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/rechtsextremismus/das-netzwerk-der-neuen-rechten.html
[41] Tagesschau - "Mitte-Studie": Acht Prozent teilen rechtsextremes Weltbild. URL: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/rechtsextremismus-studie-100.html
[42] BR - Extremisten - Wie ernst ist es der AfD mit ihrer Abgrenzung?. URL: https://www.br.de/nachrichten/bayern/extremisten-wie-ernst-ist-es-der-afd-mit-ihrer-abgrenzung,URxW1En
[43] Bundeszentrale für politische Bildung - Identitäre Bewegung. URL: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500787/identitaere-bewegung/
[44] Verfassungsschutz - Rechtsextremismus. URL: https://www.verfassungsschutz.de/DE/verfassungsschutz/der-bericht/vsb-rechtsextremismus/vsb-rechtsextremismus_node.html
[45] Spiegel - AfD Netzwerk: Mitarbeiter mit Verbindungen nach ganz Rechts. URL: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-netzwerk-mitarbeiter-mit-verbindungen-nach-ganz-rechts-a-00000000-0003-0001-0000-000002274056
[46] Bildungsstätte Anne Frank - Neue Rechte. URL: https://www.bs-anne-frank.de/fileadmin/content/Publikationen/Broschüren/BAF_Broschuere_NEUE-RECHTE_2023.pdf
[47] HateAid - Rechtsextremismus im Internet. URL: https://hateaid.org/rechtsextremismus-im-internet/
[48] Otto Brenner Stiftung - Netzwerk AfD. URL: https://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/stiftung/02_Wissenschaftsportal/03_Publikationen/AP30_Netzwerk_AfD.pdf
[50] Merz Zeitschrift - Rechtsextreme instrumentalisieren Internet für ihre Zwecke. URL: https://www.merz-zeitschrift.de/article/view/2167
[51] Digitale Mobilisierung. URL: https://ejournals.facultas.at/index.php/medienjournal/article/view/2857
[68] Adenauer Campus - Digitale Medien und Rechtsextremismus. URL: https://www.adenauercampus.de/de/rechtsextremismus/detail/-/content/digitale-medien-und-rechtsextremismus
[69] TAZ - Unterwanderung der Bauernproteste: Alles, was rechts ist. URL: https://taz.de/Unterwanderung-der-Bauernproteste/!6045310/
[70] BPB - Bedrohungen in der Kommunalpolitik. URL: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/infopool-rechtsextremismus/550254/bedrohungen-in-der-kommunalpolitik/
[71] Polizei Dein Partner - Rechtsextreme Hetze im Netz bekämpfen. URL: https://www.polizei-dein-partner.de/themen/internet-mobil/detailansicht-internet-mobil/artikel/rechtsextreme-hetze-im-netz-bekaempfen.html
[72] Tagesschau - "Den Rechtsextremisten geht es nicht um die Bauern". URL: https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/bauernproteste-interview-lamberty-100.html
[73] VBRG - zu werden, gehört nicht zum Mandat. URL: https://verband-brg.de/wp-content/uploads/2021/04/Drohungen_gg_Politik_Verwaltung_DS_WEB.pdf
[74] Klicksafe - Rechtsextremismus im Internet. URL: https://www.klicksafe.de/rechtsextremismus
[75] YouTube - Wurden die Bauern-Proteste diskreditiert?. URL: https://www.youtube.com/watch?v=HaHZEJhzy50
[76] Die Grünen - Kommunalpolitiker*innen vor Gewalt schützen. URL: https://www.gruene-bundestag.de/unsere-politik/fachtexte/kommunalpolitikerinnen-vor-gewalt-schuetzen/
[78] TAZ - Rechte Unterwanderung der Bauernproteste: Nur sauer oder rechtsextrem?. URL: https://taz.de/Rechte-Unterwanderung-der-Bauernproteste/!5982919/
[80] Tagesschau - Rechtsextreme bei TikTok: Mit einem Swipe in den Köpfen der Jugendlichen. URL: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/tiktok-rechtsextreme-100.html
[81] BR - Wie Extremisten Bauernproteste zu nutzen versuchen. URL: https://www.br.de/nachrichten/bayern/wie-extremisten-bauernproteste-zu-nutzen-versuchen,U0xWffW
[82] BPB - Todeslisten, Hatefluencer/-innen und rechtsextreme Mobilisierung auf der Plattform. URL: https://www.bpb.de/lernen/bewegtbild-und-politische-bildung/themen-und-hintergruende/lernen-mit-und-ueber-tiktok/524159/todeslisten-hatefluencer-innen-und-rechtsextreme-mobilisierung-auf-der-plattform/
[84] Die Herausforderung antidemokratischer Desinformationskampagnen. URL: https://www.medienpaed.com/article/download/1810/1431
[89] IPG Journal - Global: Rückenwind für rechtsextreme Bewegungen. URL: https://www.ipg-journal.de/regionen/global/artikel/wir-befinden-uns-in-einem-buergerkrieg-4733/
[90] Bundesverband Mobile Beratung - Gut beraten in schwierigen Zeiten?. URL: https://bundesverband-mobile-beratung.de/veranstaltungen/gut-beraten-in-schwierigen-zeiten-fulda/
[91] Demokratie Leben - Praktische Tipps für das Engagement gegen Rechtsextremismus. URL: https://www.demokratie-leben.de/dl/projektpraxis/magazin/praktische-tipps-fuer-das-engagement-gegen-rechtsextremismus-250018
[92] BPB - Vereint gegen liberale Werte: Wie Russland den rechten Rand in Europa inspiriert und fördert. URL: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/253039/vereint-gegen-liberale-werte-wie-russland-den-rechten-rand-in-europa-inspiriert-und-foerdert/
[93] Alice Salomon Hochschule - Zur Rolle von Machtkritik in der Beratung gegen Rechtsextremismus. URL: https://www.ash-berlin.eu/hochschule/presse-und-newsroom/veranstaltungen/zur-rolle-von-machtkritik-in-der-beratung-gegen-rechtsextremismus/
[94] Zivilgesellschaft gegen Rechtsextremismus in ländlichen Räumen. URL: https://budrich-journals.de/index.php/gwp/article/viewFile/12369/10758
[95] Im Schatten des Trumpismus - Budrich Journals. URL: https://www.budrich-journals.de/index.php/zrex/article/download/37313/31715
[96] Kulturelle Teilhabe BW - Informationen, Materialien, Ansprechpartner*innen. URL: https://kulturelle-teilhabe-bw.de/angebot/informationen-zur-demokratiefoerderung/informationen-materialien-ansprechpartnerinnen
[101] Petra Kelly Stiftung - Correctiv auf Tour: Was passiert, wenn Hass regiert?. URL: https://www.petrakellystiftung.de/de/2025/03/25/correctiv-auf-tour-was-passiert-wenn-hass-regiert
[102] Bundesverband Mobile Beratung - Correctiv-Recherche zu AfD-Funktionären mit Gewaltvergangenheit. URL: https://bundesverband-mobile-beratung.de/pressemitteilung/correctiv-recherche-zu-afd-funktionaeren-mit-gewaltvergangenheit/